„Ein bitterer Abgesang auf die DDR“ – Die letzten Spielfilme der DEFA, Mittwochs 19 Uhr 28 .08. – 02.10.

„Die letzten Spielfilme der DEFA: Ein bitterer Abgesang auf die DDR“

 

Vorbemerkung: Mit der sechsteiligen Vortrags-Filmreihe zwischen dem 28.08. und dem 02.10.2019 im „Kulturbahnhof Hitzacker“ geht ein Veranstaltungszyklus zu Ende, den Hans-Wolfgang Lesch in Fortsetzung seiner kultur- und literaturhistorischen Vorlesungen und Seminare an der Leuphana-Universität Lüneburg auf Einladung von Klaus Lehmann 2012 in der „Alten Sargtischlerei“ begonnen und dann über Jahre hinweg im VERDO Hitzacker fortgeführt hat.

Nachdem dort im Herbst 2018 die Spielfilmproduktion der DEFA in den achtziger Jahren in den Blick genommen wurde, soll es nun darum gehen zu zeigen, welche Spielfilme nach dem Ende der DDR gedreht wurden und wie sie sich von den vorangegangenen, die einer harten Parteizensur unterworfen waren, maßgeblich unterscheiden.

Zielsetzung aller Vortrags-Filmveranstaltungen der letzten sieben Jahre war und ist es, durch die gezeigten Spielfilme und die Darstellung ihrer Hintergründe die DDR in ihrer kulturhistorischen wie –politischen Entwicklung besser verstehbar zu machen.

 

28.08.2019: „Das Land hinter dem Regenbogen“; Regie: H. Kipping; Premiere:19.03.1992

Herwig Kipping, der wegen seiner unbequemen künstlerischen Auffassungen aus der SED ausgeschlossen worden war, kehrt mit seinem ersten Spielfilm nach „Stalina“, in das Dorf seiner als bitter und grotesk erlebten Kindheit zurück.

Als Regenbogenmacher liebt der Junge die schöne Marie, in deren Augen der Traum vom Regenbogenland leuchtet. Sein Großvater will aus dem Dorf ein Paradies im Sinne des großen Stalin machen. Dieses Paradies jedoch entpuppt sich als Vorhof zur Hölle, in der die Vertreter des Sozialismus über Leichen gehen und den Götzen Stalin anbeten. Als nach Stalins Tod ein Aufstand ausbricht, wird er von Sowjetsoldaten niedergeschlagen. Den Kindern bleibt nur der Traum vom Regebogenland. Marie und der Junge machen sich auf, aber sie landen in einer Wüste…

 

04.09.2019: „Der Tangospieler“ ; Regie: Roland Gräf; Premiere: 18.02.1991

Nach 21 Monaten Haft wird der Historiker und Gelegenheitspianist Dr. Dallow aus der Haft entlassen. Er war verurteilt worden, weil er Kabarettprogramm mit „staatsverleumderischen“ Texten am Klavier begleitet hatte. An die Leipziger Uni will er nicht zurück; so schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Zwei Herren tauchen bei ihm auf und wollen ihn an die Universität zurückbringen – als Gegenleistung verlangen sie Spitzeldienste. Dallow lehnt ab. Lieber arbeitet er auf Hiddensee als Hilfskellner. Als die Truppen des Warschauer Paktes im Sommer 1968 in die CSSR einmarschieren, ändert sich manches in der DDR. Sogar das Kabarettprogramm wird plötzlich freigegeben. Als nun eine Abgesandte der Uni auf Hiddensee auftaucht und ihm eine Dozentur anbietet, arrangiert er sich und nimmt an…

Als Roland Gräf Christoph Heins Erzählung zur Verfilmung angeboten  wurde, griff er sofort zu. Denn zum ersten Mal konnte er so in einem DEFA-Film den Staatssicherheitsdienst der DDR und auch die Intervention des Warschauer Paktes 1968 in der CSSR thematisieren. Gräf machte daraus keine Tragödie, sondern eine von Ironie und Sarkasmus durchzogene Farce, und alle verstanden, was er beabsichtigt hatte.

 

11.09.2019: „Der Verdacht“; Regie: Frank Beyer; Premiere: 10.10.1991

Die neunzehnjährige Karin wird von ihrem Vater, einem hochrangigen Funktionär, gedrängt, ihre Beziehung zu ihrem Freund Frank aufzugeben, weil gegen den „etwas vorliegt“. Als der Druck auf sie  immer stärker wird, trennt sie sich schließlich von ihm. Frank unternimmt einen Selbsttötungsversuch – und Karin kehrt zu ihm zurück und nimmt alle Nachteile in Kauf…

Frank Beyer drehte den Film nach der Erzählung „Die unvollendete Geschichte“ von Volker Braun, deren Inhalt dem Autor so 1975 von seiner Hauptfigur „Karin“ erzählt worden war. 1995 konnte Volker Braun seinen Stasi-Akten entnehmen, dass „Karin“ damals von der Stasi zu ihm geschickt worden war, um ihm „diese Geschichte“ zu erzählen….

Woher wir das wissen? Volker Braun hat seine „Unvollendete Geschichte“ von 1977 ergänzt und 1998 „Die Unvollendete Geschichte und ihr Ende“ veröffentlicht. In dem Jahr kamen weder er noch „Karin“ dadurch in Gefahr…

 

18.09.2019: „Die Architekten“; Regie: Peter Kahane; Premiere: 27.05.1990

Der Architekt Daniel ist Ende 30 und entwirft Wartehäuschen für Busstationen und Ähnliches. Ansonsten beteiligt er sich an Wettbewerben. Plötzlich bekommt er den Auftrag, für eine Berliner Trabantenstadt ein kulturelles Zentrum zu projektieren, wofür er sich ein Team zusammenstellen darf. Aber das wird nicht leicht. Viele, an die er gedacht hat, sind schon „gegangen“. Immerhin bekommt er ein Siebenerteam zusammen. Aber je besser ihre Ideen werden, desto mehr Schwierigkeiten erfahren sie. Die Gruppe zerbricht aufgrund staatlicher Eingriffe. Daniel gerät beruflich wie privat in eine Krise. Seine Frau verlässt mit ihrem Kind die DDR. Von den großen Plänen bleibt nichts…

Dieser 1989 von Peter Kahane begonnene Film war der erste völlig tabulose der DEFA-Geschichte. Die bittere Kritik, die er übte, kam zu spät, um noch etwas zu bewirken. So bleibt ihm die Funktion eines ungeschönten Bildes der DDR in ihren letzten Jahren.

 

25.09.2019: „Stein“; Regie: Egon Günther; Premiere: 19.09.1991

Der einst berühmte Schauspieler Ernst Stein ist 1968 aus Protest gegen den Einmarsch in die CSSR währen einer Aufführung des „König Lear“ von der Bühne abgegangen – für immer. Gut zwanzig Jahre lebt er in selbst gewählter Isolation in seinem Haus am Stadtrand von Berlin, umgeben hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Der alte Mann liebt Sara, eine Zwanzigjährige. Sie gibt seinem Leben einen besonderen Sinn. Aber das Jahr 1989 verändert alles. Eines Tages verschwindet auch Sara. Nach dem Mauerfall bleibt er allein zurück. Er verfällt mehr und mehr bedrückenden Todesvisionen, die ihm eine einst auf sich geladene Schuld an zwei desertierten Russen vor Augen führen.

„Stein“, für den der Regisseur Egon Günther nach zwölf Jahren außerhalb der DDR zur DEFA zurückkehrte, und für den ihm seine einst langjährige Lebenspartnerin Helga Schütz das Drehbuch schrieb, ist wahrscheinlich sein persönlichster Film, mit dem er mit der deutschen Vergangenheit aus seiner ganz spezifischen Perspektive abrechnete.

 

 

02.10.2019: „Verfehlung“; Regie: Heiner Carow; Premiere: 18.03.1992

Elisabeth, eine Frau um die Fünfzig, badet mit ihren Enkeln übermütig in einem Waschzuber. Ein Fremder, der Hamburger Hafenarbeiter Jacob, beobachtet sie vom Zaun aus. Gegen ihren anfänglichen Widerstand wird aus beiden ein  Paar. Als sie sich Weihnachten 1988 in der Ostberliner Wohnung einer Freundin treffen wollen, greift die Stasi ein. Aber Elisabeth bekennt sich öffentlich zu ihrer Liebe, was dazu führt, dass Jacob festgenommen und abgeschoben wird. Als Elisabeth danach von dem Bürgermeister Reimelt, der sie seit langem liebt, massiv bedrängt wird, erschießt sie ihn. Nach der Öffnung der Grenze steht Jacob vor Elisabeths verfallendem Haus, während sie im Gefängnishof im Kreis läuft.

„Verfehlung“ war Heiner Carows 13. und zugleich sein bitterster Film, gedreht nach der ganz stark anrührenden, gleichnamigen Erzählung meines Freundes Werner Heiduczek, der am 28.07.2019 im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Er war der erste von 32 DDR-Autorinnen und –Autoren, die ich zu Seminarveranstaltungen an der Leuphana-Universität und zu öffentlichen Lesungen nach Lüneburg geholt habe.